Vierzylinder-Version der S-Klasse

Mercedes 190, 220, 230: Die kleine Heckflosse

Einer für alle: 1961 lancierte Mercedes mit der Baureihe W110 die Vierzylinder-Version seiner S-Klasse. Jetzt konnte sich auch die Mittelschicht eine repräsentative Limousine mit Stern leisten.

Mercedes W 110 © Auto Classic
Mercedes W 110

»Schau mal Heinz-Rudolf: Unsere Nachbarn, die Müllers, haben wohl im Lotto gewonnen. Die fahren jetzt denselben Mercedes wie wir.« Heinz-Rudolf tritt ans Fenster neben seine Frau und fixiert die große, weinrote Limousine in der Einfahrt zum kleinen Häuschen gegenüber.

»Erstens kann das nicht derselbe Mercedes sein wie unserer, sondern höchstens der gleiche,« bemerkt er süffisant. »Und zweitens ist das die preiswerte Vierzylinder-Variante unserer S-Klasse: ein Mercedes 190c der Baureihe W110. Gleiche Karosserie wie unser 220 SE Sechszylinder mit 120 PS, aber kleinerer Motor: Nur 80 PS aus 1,9 Liter Hubraum. Und es gibt ihn auch als ...« – Heinz-Rudolf verzieht das Gesicht wie nach einem Schluck Essig – »... Diesel. Mit 55 Pferdestärkchen. Damit läuft er kaum schneller als ein Käfer. Nein, dazu mussten die Müllers nicht im Lotto gewinnen: Für 9.950 Deutsche Mark kann heute jeder einen Mercedes mit Heckflosse fahren.« Er schüttelt missbilligend den Kopf. »Also auch Durchschnittsverdiener wie die Müllers.«

Groß und bezahlbar

Eine große, bezahlbare Limousine für die Mittelschicht: Mit genau dieser Intention hat die Chefetage in Untertürkheim Mitte der 50er-Jahre grünes Licht für die parallele Entwicklung der »großen«  W111- und »kleinen« W110-Baureihe gegeben.

Wobei sich der Begriff »klein« mit Blick auf die Karosserie relativiert, wie Besitzer der bereits im Jahr 1959 lancierten S-Klasse-Modelle mit 2,2-Liter-Sechszylinder des Typmusters W111 notieren: Rein äußerlich unterscheiden sich die 1961 vorgestellten 190c und 190D auf den ersten Blick nur durch eine kürzere Motorhaube, runde Scheinwerfer, einfache Stoßfänger vorne sowie kleinere Rückleuchten von ihren »größeren«, nobleren Heckflossen-Genossen der Bosse.

Eine Karosse, zwei Klassen

Die kleinen optischen Unterschiede müssen den Standesdünkel der S-Modell-Besitzer befriedigen. Denn die Einheitskarosse für Ober- und Mittelklasse ist aus Kosten- und Marketinggründen zwingend geworden: Als günstiger Kompromiss aus Geräumigkeit, Komfort, Leistung, Wirtschaftlichkeit und Kaufpreis soll die vom Design-Team unter Karl Wilfert gezeichnete »Heckflosse« die Vorherrschaft von Opel in beiden Kategorien beenden.

Sprich: Mit den 220er-Sechszylindern will Mercedes den großen Kapitän als Marktführer der 50er-Jahre ablösen, möchte mit den beiden 190er- und 200er-Vierzylindern die Verkaufszahlen des Rekord der 60er-Jahre knacken. Vor allem der Erfolg der Rüsselsheimer Mittelklasse ist den Konzernchefs in Untertürkheim ein Dorn im Auge. Den sie sich aber letztlich bis zum Produktionsende der W110-Baureihe nicht ziehen werden: Der »kleine« Mercedes bringt es bis 1968, seinem letzten Verkaufsjahr, auf nur 628.282 verkaufte Exemplare – die Rekord-Familie A und B in den fünf Baujahren bis 1967 dagegen auf 720.879 Stück.

Auch die von 1964 bis 1967 gebaute Taunus-Reihe 17M und 20M der deutschen Ford-Tochter in Köln rangiert mit 629.449 verkauften Limousinen- und Kombi-Versionen noch vor der Sternflosse der Mittelklasse ...

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