Im richtigen Handumdrehen

Werkzeugtest Schraubendreher

Ein brauchbarer Schraubendreher findet sich in jedem Haushalt. Doch aus einer schier unendlichen Flut an Modellen den geeigneten für die Oldtimer-Werkstatt herauszufiltern, ist schwer. Wir haben neun aktuelle Schraubendreher-Sets einem Praxistest unterzogen – und stellten teils drastische Qualitätsunterschiede fest. 

Die „Klingen“ gekreuzt: Neun vergleichbare Schraubendreher-Sets stellten sich dem AutoClassic-Werkzeugtest. Sie wurden anhand von strengen Kriterien auf ihre Praxistauglichkeit geprüft. (Foto: Studt) © Heinz Studt
Die „Klingen“ gekreuzt: Neun vergleichbare Schraubendreher-Sets stellten sich dem AutoClassic-Werkzeugtest. Sie wurden anhand von strengen Kriterien auf ihre Praxistauglichkeit geprüft.

Die Verführung lauert überall: „Preishammer der Woche: 50-teiliges Schraubendreher-Set für 7,99 Euro“ – Diese und ähnliche Angebote locken uns Tag für Tag in Baumärkte oder an raffiniert aufgebauten Kassentheken. Doch wie gut sind diese Schnäppchen tatsächlich? Können sie qualitativ mit hochwertigem Werkzeug mithalten, auch im Handling überzeugen? Das gesunde Misstrauen stand am Anfang unseres Praxistests: Als derartiges „Schnäppchen“ musste sich in der Gruppe unserer Testkandidaten der Set „Elix“ von Lux-Tools – während unseres Werkzeugtests im März der Preishammer zahlreicher Münchner Baumärkte – beweisen. Die restlichen Kandidaten wählten wir auf Basis mehrerer erfreulich kompetenter Beratungsgespräche in Baumärkten sowie als Empfehlung einschlägiger Schrauber-Foren aus. Daraus ergab sich ein wahrlich buntes Sammelsurium aus immerhin neun Kandidaten, die uns allesamt mit Kreuz- und Schlitz-Schraubendrehern in den gängigen Größen zur Verfügung standen.

Der AutoClassic-Schraubfall

Die Gegenüberstellung der Hard Facts jedes Kandidaten brachte bereits interessante und deutliche Unterschiede. Der anschließende Handling-Test wartete dann mit einigen Überraschungen auf – angenehmen wie schmerzhaften. Er erfolgte anhand eines so genannten „weichen Schraubfalls“ , bei dem die Krafteinwirkung – das nötige Drehmoment – während der Verschraubung kontinuierlich, ohne irgendwelche Drehmomentspitzen, ansteigt. Dieser in der Praxis häufigste Schraubfall ist nach Aussage vieler Werkzeug-Hersteller Basis für die Ergonomie der Schraubendreher. Getestet wurde mittels fabrikneuer, sechs Zentimeter langer Holzschrauben (Spax Kreuzschlitz, Format 4,5x60), die vorab maschinell jeweils exakt einen Zentimeter tief und senkrecht in ein massives, sechs Zentimeter dickes Fichtenbrett hineingedreht wurden.

Zwei Probanden – ein kräftiger Mann, sowie eine handwerklich begabte Frau – sollten dann mit jedem Testkandidaten eine zufällig ausgewählte Schraube weiter exakt gerade und schnellstmöglich bis zum Anschlag eindrehen. Die dabei gemessene Zeit wurde als Wert für die maximal mögliche Kraftübertragung festgeschrieben und zu 40 Prozent im Testergebnis berücksichtigt.

Um punktuelle Unterschiede im Holz (beispielsweise Astaugen) sowie eventuelle Erschöpfungszustände der Probanden zu berücksichtigen, machten wir zwei komplette Durchläufe, bei der die Testkandidaten in jeweils umgekehrter Reihenfolge herangenommen wurden. Außerdem durfte jeder der beiden Probanden zunächst eine Erholungspause einlegen und dabei seine frischen Eindrücke über den gerade getesteten Schraubendreher notieren.

Die so gewonnenen Messergebnisse, je vier  pro Schraubendreher, haben wir schlußendlich gemittelt und mitsamt den Handlingaussagen bewertet.

Wenn nichts mehr geht

Jeder kennt das Problem: Eine Schraube hat sich durch Vibration oder Korrosion derart „festgefressen“, dass sie sich selbst unter Aufbietung aller Kräfte nicht mehr bewegt. Dann muss man, getreu dem alten Hebelgesetz, seitlich einen Sechskantschlüssel oder eine Kombizange ansetzen. Ist die Schraubenzieherklinge nicht ausreichend gehärtet oder aus minderwertigem Material, verbiegt sich meist nur die Klinge. Diesen Härtefall haben wir mit allen Testkandidaten simuliert: Gleichgroße Schlitzschraubendreher jedes Sets wurden mit ihrer Klinge exakt einen Millimeter tief in einem Profi-Schraubstock fixiert. Die frisch ausgeruhten Probanden mussten versuchen, diese fixierte Klinge durch eine kräftige, Drehbewegung, mit angesetzter Zange oder Sechskantschlüssel zu verbiegen. Gelang dies, führte das zu einer Abwertung: Die Klinge war offenbar zu weich.

Drei Wünsche als Fazit

Ein richtiges Material der Klinge vorausgesetzt, liegt das Geheimnis eines guten Schraubendrehers offenbar in Form, Substanz und Ergonomie des Griffs. Zugegeben keine leichte Aufgabe: Schraubendreher sollten für jede Handgröße passen. Das ist nahezu unmöglich. Dennoch gibt es Griffprofile, die unseren beiden Probanden vergleichsweise perfekt in der Hand lagen: Deren Hersteller hatten sich offensichtlich viele Gedanken zur Ergonomie gemacht.

Die auf den ersten Blick grobe Verallgemeinerung „Je dicker, desto besser“ kommt unserem Testresultat also in der Tat recht nahe. Unsere weiteren Wünsche: Eine dauermagnetische Spitze sowie Sechskantaufnahmen bei allen Schraubendrehern eines Sets.
 
TEXT und FOTOS: Heinz Studt
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