Erfolgsmodelle im Vergleich

Fiat »Nuova 500« und Fiat 500: Familientreffen

Topolino, Cinquecento, Mäuschen. All diese Namen stehen für das wohl erfolgreichste Fiat-Modell aller Zeiten. Wir haben die Brüder Fiat »Nuova 500« und Fiat 500 verglichen. 

Fiat »Nuova 500« und Fiat 500 im Vergleich © Jörn Müller-Neuhaus
Fiat »Nuova 500« und Fiat 500 im Vergleich

Der Anfang 1957 vorgestellte Nuova 500 hatte eine selbsttragende Karosserie mit Einzelradaufhängung rundum und einen luftgekühlten Zweizylinder-Viertakter mit 500 Kubikzentimetern Hubraum und 13,5 PS. Dafür war er, anders als sein Vorgänger, der von 1936–1956 gebaute »Topolino«, als Viersitzer konzipiert.

Trotz der Bambini-freundlichen Konzeption wurde der Nuova 500 anfangs nur zögerlich gekauft, weshalb Fiat den winzigen Zweizylinder bereits Ende 1957 um anderthalb Mehr-PS auf 15 Pferdchen erstarken ließ. Damit erreichte die kleine Limousine eine Höchstgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde und eine Erfolgsgeschichte begann, die erst 1976 nach über 3,7 Millionen gebauten Exemplaren endete.

Nach heutigen Maßstäben war der 500er schockierend spartanisch: ein dünnes Lenkrad, ein kleiner Tacho und ein paar wenige, auf dem in Wagenfarbe lackierten Blecharmaturenbrett verstreute Schalter sowie dünne, aber recht bequeme Sitze mussten den Insassen fast 20 Jahre lang genügen.

Auch die Leistungsausbeute blieb bescheiden: Mehr als 18 PS gab es nur bei Tunern wie Abarth. Dafür waren ab 1960 ein Aschenbecher und von Anfang an das große Stoffdach serienmäßig, das bei schönem Wetter für Cabriofeeling sorgt. Fast hätte es den neuen Fiat 500 gar nicht gegeben: Trepiùno hieß der Prototyp des Retromodells, das 2004 auf dem Genfer Autosalon gezeigt wurde. Dann wird es erst mal kompliziert:

Von der Designstudie zum Retromobil

Die ursprünglich geplante Serienfertigung wurde Anfang 2005, nach einem Wechsel an der Führungsspitze des Unternehmens, abgesagt, weil der Fiat-Konzern finanzielle Probleme hatte und kein Geld für ein neues Klein­wagen­projekt da war.

Der neue Fiat-Chef Luca de Montezemolo verkündete am 12. September 2005 überraschend, den auf dem Trepiùno basierenden Fiat 500 nun doch bauen zu wollen. Technisch ist der neue 500er weitgehend mit dem Fiat Panda identisch.

Optisch ist der Neue, der am 4. Juli 2007 – exakt 50 Jahre nach der Präsentation des Nuova 500 – vorgestellt wurde und seit Anfang 2008 auf dem Markt ist, gelungen: Von den runden Scheinwerfern über die Seitenlinie bis hin zur kühlergrilllosen Frontpartie zitiert der Neue die typischen Design­elemente des Nuova 500 auf sympathische Art.

Die Ähnlichkeiten schwinden allerdings im Innenraum: Zwar dominiert ebenfalls ein in Wagenfarbe lackiertes Armaturenbrett, es geht jedoch alles andere als spartanisch zu: Tacho, Drehzahlmesser, Multi­funktions­display, eine moderne Heizung oder Klimaanlage und ein hochwertiges Audiosystem garantieren zeitgemäßen Komfort im Retro­mobil.

Airbags, ABS mit Bremsassistent und ESP sorgen dafür, dass man im neuen Fiat 500 sicher und komfortabel unterwegs ist. Mit circa 950 Kilogramm Gewicht ist er etwa doppelt so schwer und merklich größer als sein Vorbild. Auch die Vierzylindermotoren mit 1,2 bis 1,4 Litern Hubraum und 69 bis 100 PS sind sehr viel stärker. Auch den neuen Fiat 500 wird es übrigens in bärenstarken Abarth-Versionen geben.

Der Vergleich

Um zu erfahren, ob der neue Fiat 500 mehr als die Optik mit seinem Vorbild gemein hat, ließen wir den perfekt restaurierten »Nuova 500« des Gautingers Andreas Schmitt gegen einen neuen 500er mit 69 PS-Motor antreten, den uns der Münchner Fiat-Händler Kroymanns zur Verfügung stellte.

Der Neue zeigt schon beim Einsteigen, dass aus dem Minimalauto Nuova 500 ein komfortables Lifestyle-Fahrzeug geworden ist: Man sitzt hoch und bequem mit ausreichend Platz. Auch die Hinterbänkler können es sich bequem machen, solange die vorderen Sitze nicht ganz zurück geschoben werden.

Lediglich der Kopf­raum hinten ist leicht eingeschränkt. Im Original sitzt man fast auf der Straße und die Frage nach dem Kopf­raum hinten stellt sich nicht ernsthaft: Die Rücksitze sind bestenfalls für Kinder bis 1,50 Meter wirklich nutzbar. 

Die von uns getestete 69-PS-Version wirkt etwas lendenlahm: Man kommt komfortabel voran und erreicht mit etwas Anlauf 160 Kilometer pro Stunde, aber die stärker motorisierten Varianten sind sicherlich unterhaltsamer. Wie anders dann das Fahrerlebnis im Schmittschen »Nuova 500«!

Der kleine Zweizylinder poltert unternehmungslustig vor sich hin, trotz der nur knapp 20 PS setzt der Winzling sich flott in Bewegung und kann dem viel stärkeren neuen Fiat 500 auf kurvigen Landstraßen ohne große Anstrengung folgen: Das geringe Gewicht macht sich hier positiv bemerkbar.

Es bereitet riesigen Spaß, den Kleinen durch die Kurven zu treiben und man kommt sich sehr viel flotter vor, als man es tatsächlich ist. Das vergnügte Dauergrinsen vergeht einem jedoch beim ersten Bremsversuch, denn selbst für Oldtimer-Verhältnisse ist die Bremswirkung erschreckend gering. Man muss das Pedal mit aller Kraft treten, um eine spürbare Verzögerung zu erreichen, vorausschauendes Fahren ist also angesagt!

Das Fahrerlebnis ist es dann auch, dass die beiden 500er-Generationen unterscheidet: Der neue Fiat 500 ist trotz gelungener optischer Anleihen beim alten Nuova 500 ein modernes Auto und führt damit eigentlich die Tradition fort, denn 1957 war der neu Nuova 500 ebenfalls ein hoch­modernes Auto!

Als Alltagsfahrzeug macht der neue 500er eine gute Figur: Er bietet den Komfort und die Sicherheit eines modernen Autos und ist optisch ein echter Hingucker!

Am Fahrspaß gemessen kann der Neue nicht mithalten: Man fährt im neuen Fiat 500 zwar bequemer, weniger Auto beim alten Fiat 500 bereitet jedoch eindeutig mehr Vergnügen.

Der Fiat 500 in der Werbung

Nicht nur wegen solchen Fernsehwerbungen mobilisierte der Fiat 500 die Massen:

TEXT und FOTOS: Jörn Müller-Neuhaus
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