Flottes Coupé für Individualisten

Lancia Fulvia Coupé - Die Geschichte

Frontantrieb und Sportwagen – das geht gar nicht? Lancia hat diesem Vorurteil seit den frühen 60er-Jahren getrotzt – mit Erfolg, wie die Geschichte der kleinen, flinken Fulvia-Coupés beweist. 

Lancia Fulvia CoupéDie Lancia Fulvia ist einer der wenigen Sportwagen der 60er-Jahre mit Frontantrieb. Das und sein ungewöhnlicher Vierzylinder-V-Motor machen ihn zu einer unkonventionellen Alternative für Oldtimerfreunde, die etwas Besonderes... © Jörn-M. Müller-Neuhaus
Lancia Fulvia CoupéDie Lancia Fulvia ist einer der wenigen Sportwagen der 60er-Jahre mit Frontantrieb. Das und sein ungewöhnlicher Vierzylinder-V-Motor machen ihn zu einer unkonventionellen Alternative für Oldtimerfreunde, die etwas Besonderes...

Mit der 1960 präsentierten neuen Flavia Limousine betrat Lancia mit Frontantrieb und einem aufwendigen Fahrwerk mit vier Scheibenbremsen technisches Neuland. Die kleinere Fulvia setzte als Nachfolgerin des Lancia Appia wie dieser auf den ungewöhnlichen  V4-Motor mit lediglich 13 Grad Zylinderwinkel, zwei oben liegenden Nockenwellen und einem gemeinsamen Zylinderkopf für beide Zylinderreihen, allerdings nun mit Frontantrieb. 1963 erschien zunächst die viertürige Limousine Fulvia Berlina, die mit dem zunächst 1,1 Liter kleinen Motor und lediglich 58 PS recht behäbig zur Sache ging.

Fulvia Coupé Serie 1

Auf dem Autosalon in Turin 1965 stellte Lancia das Fulvia 1.2 Coupé vor, das auf einem auf 2.330 Millimeter verkürzten Limousinenfahrgestell basierte. Neu war der Motor, der aus 1,2 Litern Hubraum kräftige 80 PS mobilisierte, was das mit 960 Kilogramm Leergewicht recht schwere Coupé etwa 160 Stundenkilometer schnell machte.

Das Fahrwerk mit einer Querblattfeder, Querlenkern und Stabilisator vorne sowie einer an Blattfedern aufgehängten Starrachse mit Panhardstab sorgte in Kombination mit den leis­tungsfähigen Scheibenbremsen und der auf der Achse platzierten Motor-Getriebe-Einheit (Motor vor, Getriebe hinter der Achse) für ausgewogene Gewichtsverteilung und eine hervorragende Straßenlage.

Aber nicht nur die inneren Werte konnten überzeugen, auch das Design – die elegante, zierliche Coupé-Karosserie gilt als Meisterwerk des Lancia-Hausdesigners Pietro Castagnero – fand viele Freunde und Käufer. Das Coupé wurde von 1965 bis 1976 in zwei Serien in insgesamt etwa 140.000 Exemplaren gebaut und gehört damit zu den Longsellern unter den Sportwagen.

Lancia brachte allerdings immer wieder Sondermodelle und sportlichere Fulvia-Versionen auf den Markt, was zu einer verwirrenden Modellvielfalt führte. Aber zurück zur Serie 1: Schon die 1,2-Liter-Version fand regen Absatz, was sich 1966 mit Erscheinen des Fulvia 1.2 HF noch steigerte: Diese Version hatte ein auf 88 PS getuntes Triebwerk und wog dank der Verwendung von Hauben aus Aluminium und Plexiglasscheiben nur noch 825 Kilogramm.

Damit war der Startschuss für eine lange und erfolgreiche Sportkarriere gegeben. Bereits 1967 folgten die Modelle Fulvia 1.3 und 1.3 HF. Die Motoren hatten nun einen Hubraum von 1.289 Kubikzentimetern, die im „normalen“ Fulvia Coupé 88 PS und im 1.3 HF sogar 103 Pferdchen mobilisierten. Damit war die Fulvia knapp 180 Stundenkilometer schnell.

Weiter ging es 1968 mit dem 93 PS starken 1.3 S Rallye, der mit dem Ölkühler und dem Unterdruck-Bremsservo des 1.3 HF bestückt wurde, sowie als Höhepunkt der Serie 1 der Fulvia 1.6 HF. Deren Motor verfügte nun über 1.584 Kubikzentimeter Hubraum, einen größeren 40-Millimeter-Solex- Doppelvergaser, und der Zylinderwinkel war mit etwas über elf Grad noch enger geworden.

Der 1.6 HF wurde in zwei Geschmacksrichtungen angeboten: Die Version mit 114 PS knackte die 180-Kilometermarke, während die „Variante 1016“ mit überaus kräftigen 132 PS über 190 Stundenkilometer schnell war und damit manchen großvolumigen Sportwagen deklassierte.

Beide Versionen hatten ein Fünfganggetriebe und wogen nur etwa 850 Kilogramm. Und besonders mit diesen Versionen wurde die Fulvia dann auch im Motorsport häufig und sehr erfolgreich eingesetzt: Ab 1969 nahm Lancia an der Rallye-Weltmeisterschaft teil, die sie 1972   dann gewannen. Ebenfalls 1972 gewann das Lancia-Werksteam mit Sandro Munari am Steuer die Rallye Monte Carlo.

Lancia Fulvia Serie 2

Ende Oktober 1969 übernahm Fiat den Autohersteller, aber die Fulvia wurde von 1970–1976 als leicht überarbeitete Serie 2 weitergebaut. Auf den ersten Blick fällt bei der Serie 2 der überarbeitete Kühlergrill auf, der das Auto breiter wirken lässt, die Chrom-stoßstangen werden nun von aufgesetzten Gummistreifen vor Parkremplern geschützt.

Die Blinker waren anders angeordnet, und statt der Stahlfelgen mit Chromradkappen schmückten neu gestaltete Pressstahlfelgen die kleinen Fronttriebler. Der Innenraum blieb fast unverändert, lediglich ein paar Details am nach wie vor hölzernen Armaturenbrett wurden leicht überarbeitet.

Das ursprünglich im 1.6 HF verbaute Fünfganggetriebe wurde nun in allen Modellen verwendet. Die Fulvia 1.3 leistete 90 PS und wurde mit über 78.000 zwischen 1970 und 1976 gebauten Exemplaren zur meistverkauften Version überhaupt. In dieser Stückzahl verbergen sich auch die Sondermodelle „Monte Carlo“ (4.400 Exemplare) und „Safari“ (900 Stück), die sich in erster Linie durch komfortablere Sitze und  kleine Retuschen an den hinteren Radläufen vom Normalmodell unterschieden.

Zwischen 1970 und 1973 wurden die Modelle 1600 HF und 1600 HF Lusso angeboten. Sie verfügten über das 1,6-Liter-Triebwerk mit 114 PS. Der 1600 HF Lusso unterschied sich durch eine bessere Ausstattung vom abgespeckten 1600 HF, der als Wettbewerbsmodell konzipiert war. Lusso-Besitzer konnten sich über verchromte Scheibenrahmen, Ausstellfenster, Teppiche im Cockpit, zusätzliche Innenverkleidungen, eine Reserveradabde­ckung und bessere Geräuschdämmung freuen.

Von 1974 bis 1976 wurde die Fulvia 3 mit 1,3-Liter-Maschine angeboten, die oft als Serie 3 missverstanden wird. Der Frontgrill war nun aus Kunststoff, außerdem waren die Instrumente nun weiß unterlegt, und das hübsche Holzvolant wich einem kunststoffummantelten Lenkrad.

Longseller mit Kultcharakter

Trotz der relativ hohen Stückzahlen war die Fulvia in Deutschland immer ein Exot im Schatten der Coupés und Spider von Alfa und Fiat. Am Preis kann es nicht gelegen haben, denn die Fulvia kostete ähnlich viel wie der Fiat 124 und die 1,3-Liter Alfa Bertone und konnte ähnlich große Sporterfolge verweisen.

Vermutlich lag es tatsächlich an dem für einen Sportwagen lange Zeit so unbeliebten Frontantrieb und dem ungewöhnlichen V4-Motor. An dieser Exotenrolle hat sich wenig geändert: Gute Fulvia Coupés sind seltener als ein Fiat 124 oder  ein Alfa Bertone und kosten wesentlich weniger. Gerade dies macht aber für viele den Reiz aus: ein seltenes Sportcoupé mit unkonventioneller Technik und Optik zu bewegen, das in gutem Zustand wenig Probleme bereitet und dazu noch günstig im Unterhalt ist.

Lancia-Liebhaber Marco Wagner aus Rain am Lech bestätigt auf Nachfrage gerne, dass seine Fulvia 1.3 auch bei schärferer Fahrweise garantiert weniger als zehn Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Wenn das kein Wort ist!

TEXT und FOTOS: Jorn Müller-Neuhaus
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