Ist E-10 schlecht für ältere Motoren?

Oldtimer-Killer E10-Biosprit?

Die Verunsicherung unter den Oldiebesitzern ist groß. In diesem Jahr kommt eine neue Benzinsorte an die Zapfsäulen: E10, mit zehn Prozent Bioethanol. Gut fürs Klima, sagt der Umweltminister. Nicht gut für die Motoren vieler älterer Fahrzeuge, sagen die Hersteller. 

In Zukunft heißt es beim Tanken mit dem Oldtimer: Augen auf! Der neue Biosprit „E10” kann Schäden anrichten. © Stefan Viktor
In Zukunft heißt es beim Tanken mit dem Oldtimer: Augen auf! Der neue Biosprit „E10” kann Schäden anrichten.

Die Diskussionen um die für Anfang dieses Jahres geplante Einführung des neuen Bio-Kraftstoffs E10 erinnert ein wenig an die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Als Autohersteller den Katalysator noch gegen Aufpreis verkauften und Ölkonzerne gleichzeitig langsam das Blei (endgültig in Deutschland 1988) aus dem Benzin nahmen, war der Aufschrei unter den Automobilisten laut.

Groß war die Angst vor kapitalen Motorschäden bei Autos ohne geregelten Abgasreiniger. Nun, über 25 Jahre später wissen wir, dass unsere Motoren auch ohne Blei im Sprit klarkommen. Hatten wir anfangs noch teure Bleizusätze in den Tankstutzen gefüllt, erklärten uns später die Experten, dass sich im Laufe eines Motorlebens genügend Blei in den Ventilsitzen abgelagert (und um deren Schmierung ging es im Wesentlichen bei Blei), das die Motoren dennoch dauerhaft bleifrei vertragen – Memoryeffekt nennen das die Experten.

Und wer seinen alten Motor überholt, lässt vom Motorenbauer im Zylinderkopf gehärtete Ventilsitze einbauen und bleifrei ist problemfrei. Leider ist das mit E10 nicht ganz so einfach …

Die Fakten zu E10

Die deutsche Bundesregierung hat Ende 2010 eine europäische Gesetzgebung umgesetzt, und die Einführung eines Kraftstoffs beschlossen, der von nun an doppelt so viel Bioethanol, nämlich bis zu zehn Prozent, als bisher (bis fünf Prozent) haben soll. Hintergrund der Entscheidung sind die Klimaschutzziele der Europäischen Union und die geplante Reduzierung des CO2-Ausstoßes.

Zwar wussten alle Beteiligten bereits seit 2007 um diese für 2020 vereinbarten Ziele (20 Prozent weniger CO2, 20 Prozent Elektrofahrzeuge, 20 Prozent erneuerbare Energien) und deren Umsetzung, doch jetzt, wo der neue Sprit an die Tankstellen kommen soll, ist die Verunsicherung bei uns Kraftfahrern groß. Meldungen über mögliche Motorschäden durch E10 sowie eine geringere Energiedichte bei E10 und damit erhöhten Verbrauch schüren Bedenken bei den Verbrauchern.

Zunächst die guten Nachrichten: Die meis­ten Fahrzeuge können bedenkenlos auf den neuen "grünen" Sprit umsteigen. Das Bundesministerium für Umwelt vermeldet, dass etwa 90 Prozent des deutschen Fahrzeugbestands den neuen Biosprit problemlos verkraften.

Die schlechte Nachricht: Etwa zehn Prozent des Fahrzeugbestandes, also um die 4,2 Millionen Fahrzeuge, sollten auf E10 verzichten, um potenzielle Schäden am Motor und der Benzinversorgung zu vermeiden. Dies betrifft in erster Linie Oldtimer, aber auch viele moderne Fahrzeuge sind betroffen, wie alle Alfas vor Baujahr 2008, oder bestimmte Mercedes-Modelle bis hin zu Baujahr 2005.

Für diese Fahrzeuge bleiben die „Schutzsorten“ Super Plus mit 98 ROZ Oktan sowie die höher verdichteten „Rennbenzine“ wie Ultimate oder V-Power mit bis zu 102 Oktan, die alle weiterhin mit maximal fünf Prozent Biosprit versetzt sind, im Angebot der rund 15.000 Tankstellen in Deutschland. Normalbenzin und Super mit 95 ROZ Oktan wird es nach der flächendeckenden Einführung von E10 nicht mehr geben.

Christian Buric vom ADAC, dem Zentralorgan des deutschen Kraftfahrers, ist deutlich: „In E 10 ist mehr aggressiver Alkohol, der kann bei bestimmten Modellen Dichtungen, Schläuche oder Aluminiumteile angreifen, teure Motorschäden können die Folge sein." Die beiden, Schutzsorten genannten, Kraftstoffe enthalten auch weiterhin nur bis zu fünf Prozent Bioethanol, sind also für die meisten Oldtimer die sichere Wahl.

Allerdings ist dieser Sprit "natürlich" teurer als das bisherige normale Super E5 und sicher auch teurer als das neue E10-Benzin. Der Grund: Die Autofahrer sollen durch den künstlich hoch angesetzten Preis (E10 ist in der Herstellung preiswerter als E5-Sprit) dazu gebracht werden, von E5 auf E10 umzusteigen. Dazu Aral-Sprecher Wolny: „Wir führen E10 im Laufe des ersten Quartals 2011 ein, zu welchem Preis, können wir auch aus kartellrechtlichen Gründen nicht sagen.

Bis Ende 2013 wird es weiterhin E5-Benzin, nämlich Super Plus und Ultimate geben.“ Das Bundesministerium für Umwelt geht noch über diese EU-Regelung hinaus, auch über das Stichdatum hinaus soll es in Deutschland E5-Kraftstoffe an den Tankstellen geben. Also erst mal Entwarnung für E10-untaugliche Fahrzeuge?

 Zumindest bis 2013 wird man in der EU E5-Sprit noch flächendeckend erhalten, wie es danach aussieht, ist offen. Zu den Befürchtungen, dass E10 aufgrund der niedrigeren Energiedichte unwirtschaftlicher sei und zu Mehrverbrauch führen würde, erklärt Aral-Sprecher Tobias Wolny sachlich: „Gegenüber dem bisherigen E5-Benzin beträgt der Mehrverbrauch bei E10 gerade mal ein Prozent.“ Ob das tatsächlich stimmt, wird erst die Zukunft zeigen.

Oldtimerkiller Biosprit?

Wer sich unsicher ist, ob sein Fahrzeug mit E10 zurechtkommt, kann sich bei den Herstellern informieren, die meist Hotlines – siehe dazu unser Kasten – dazu eingerichtet haben. Eine ständig aktualisierte Liste mit allen Fahrzeugen, die nicht E10-tauglich sind, gibt es bei der DAT (Deutsche Automobil Treuhand) zum Herunterladen.<

Dummerweise hilft diese Liste den meis­ten Oldtimerbesitzern wenig. Denn der Besitzer eines R107-Cabriolets von Mercedes erfährt in der Liste oder der Hotline zwar, dass sein SL nicht mit E10 betrieben werden darf, aber was machen Besitzer eines Oldies, dessen Hersteller gar nicht mehr existiert? Beispiel Alt-Minis: Markenbesitzer BMW hat nur die Information für die Modelle seit 2000, zu allen Minibaujahren davor gibt es keine Aussagen.

Auch Fahrer eines MGB oder Glas GT scheitern an der globalisierten Realität. Die MG-Markenrechte etwa liegen beim ältesten chinesischen Autokonzern, Nanjing Automobile Corporation, der wiederum mittlerweile zur Shanghai Automotive Industrial Corporation, SAIC, gehört. Es bleibt abzuwarten, ob SAIC sich auch der historischen Verantwortung stellt und Auskünfte über Klassiker der Marke erteilen wird.

Doch allzu viel Hoffnung ist hier sicher nicht angebracht. Eher werden wir uns auf unsere Markenclubs und Fachwerkstätten verlassen müssen, die nach und nach Erfahrungen mit dem neuen Sprit sammeln werden. Das Dumme ist nämlich, dass keiner weiß, ob ein bestimmtes Fahrzeug mit E10 Probleme bekommt oder nicht. Es ist also durchaus möglich, dass ein Oldtimer mit E10 perfekt läuft – Gewissheit erlangt man erst, nachdem es ein oder mehrere Freiwillige versucht haben.

Auch die Erfahrungen aus dem Ausland helfen nur bedingt: Dort gibt es beispielweise in Frankreich E10 schon länger, doch das Bioethanol dort ist anders zusammengesetzt. Siegfried Trede von DAT (Deutsche Automobil Treuhand) dazu: „Wir haben eine umfassende Liste (Download unter www.dat.de/e10liste/e10vertraeglichkeit.pdf) aller freigegebenen Fahrzeuge erstellt.

Die Erkenntnisse aus Frankreich und den restlichen EU-Staaten sind in unsere Freigabeliste mit eingeflossen, zudem aktualisieren wir diese ständig.“ Das alles hilft jedoch beispielsweise einem Lada-Fahrer wenig. Die russische Marke ist in Deutschland nicht im Verband der Automobilimporteure organisiert, deshalb tauchen die kantigen Russen auch nicht in der DAT-Liste auf. Hier bleibt nur: Kontaktieren Sie den Händler oder Importeur direkt

Was tun nach 2013?

Wie schon festgestellt, bleiben noch min­des­tens zwei Jahre Schonfrist, in denen der oldieverträgliche E5-Sprit mit Sicherheit verfügbar sein wird. In den Jahren danach wird er wohl mit Sicherheit nicht mehr flächendeckend erhältlich sein, was zu längeren Anfahrten zum Tanken und umständlicheren Routenplanungen bei Reisen führen wird. Denn dummerweise ist gegen E10-Unverträglichkeit noch keine Medizin gefunden.

Es ist technisch kaum möglich oder sinnvoll, die gefährdeten Bauteile einfach zu ersetzen. Das mag bei Benzinschläuchen und  Dichtungen noch funktionieren, aber es können auch Vergaser und Einspritzanlagen oder Benzinpumpen, vornehmlich aus Alulegierungen, zerstört werden. Und spätestens hier wird es fast unmöglich, solche Bauteile gegen E10-kompatible Alternativen zu tauschen.

Leider gibt es bisher auch keine Mittelchen, die, ins E10-Benzin geschüttet, das Problem beseitigen oder minimieren können. Insofern bleibt tatsächlich nur die Hoffnung, dass die Benzinanbieter auch nach 2013 weiterhin E5-Sprit anbieten werden – wenn auch sicherlich zu spürbar höheren Preisen als bisher.

Entwarnung für Dieselfahrer

Besitzer klassischer Diesel,  beispielsweise eines Mercedes 180 D Ponton, müssen sich keine Sorgen machen, sie zapfen weiterhin Schweröl an ihrer Tankstelle – das übrigens schon seit Jahren einen Bioethanolanteil von bis zu sieben Prozent enthält. Irgendwie komisch, dass dieser sogenannte Biodiesel (erstmals 2004/2005) die Kolben, Zylinderköpfe, Einspritzpumpen, Dichtungen und Kraftstoffleitungen der Selbstzünder nicht angreift. Zumindest sind Sorgen um Motorschäden kein Thema in den Fachmedien, wie Recherchen dazu ergeben haben. 

TEXT: Stefan Viktor, FOTOS: ARAL, Archiv Jörn-M. Müller-Neuhaus, AVIA/BMU
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