Amerikanische Klassiker

Amerikanische Klassiker: Die Wahrheit über die US Liebhaberstücke

Für viele sind Autos aus den USA der Blech gewordene Traum. Aber ganz abgesehen von normalen Oldtimer-Unzulänglichkeiten kommen hier auch noch andere Realitäten auf den deutschen Besitzer zu. AUTO CLASSIC macht die Bestandsaufnahme
 
oranges-auto © fotolia.com © Aris Suwanmalee
Ja, wir geben es zu, es gibt in Sachen Motorsound nur wenig, das ähnlich gut klingt wie ein V8-Motor mit Crossplane-Kröpfung der Kurbelwelle, der traditionell auch bei deutschen Luxusmodellen verbaut wurde. Die dadurch entstehende Zündfolge ist für das Blubbern verantwortlich, welches sich so dramatisch von Flatplane-V8s, wie etwa im Lotus Esprit, unterscheidet. Und der Crossplane-Motor ist nun einmal der ur-amerikanische V8.
Allerdings kann Sound nicht darüber hinwegtäuschen, dass US-Fahrzeuge Eigenheiten aufweisen, die man als jemand, der zuvor nur europäische Klassiker kannte, so nicht kennt. Auf den folgenden Zeilen wollen wir daher eine Bestandsaufnahme für US-Oldtimer machen. Ein Roundup, das auch mit Mythen aufräumen möchte.

Es kommen nicht alle aus Kalifornien

Für hiesige Autoverkäufer scheint es das Signal-Werbewort schlechthin zu sein „California-Import“. Egal welches US-Modell man in das Such-Portal seiner Wahl eingibt, der Begriff wird unheimlich oft verwendet – verdächtig oft, um genau zu sein.
Dahinter steckt ebenso marktwirtschaftliches Kalkül wie oftmals auch Unwissenheit.
  • Kalkül deshalb, weil Kalifornien Oldtimer-klimatisch optimal ist. Geringe Luftfeuchtigkeit, selten bis nie Frost (daher auch kein rostfördernder Streusalzeinsatz). Was aus Kalifornien kommt, so der Glaube vieler, ist einfach besser erhalten als ein Oldie, der beispielsweise in Michigan unterwegs war. Daher wird Kalifornien gezielt in der Produktbeschreibung erwähnt.
  • Unwissenheit, weil in den Papieren vieler US-Oldies in Deutschland Kalifornien steht. Jedoch nicht, weil sie tatsächlich dort ihr Leben verbracht hätten. Die USA sind, was die Häfen anbelangt, durch den Mississippi in Ost- und West unterteilt. Alle Autos für Europa, die aus Staaten westlich des Flusses stammen, werden, so sie nicht via Texas laufen, i.d.R. im Hafen von Los Angeles / Long Beach eingeschifft. Daher ist es in dem Fall noch nicht mal gelogen, von einem Cali-Import zu sprechen, aber eben nicht korrekt.Leider wird das dadurch erleichtert, dass es in den USA keinen Fahrzeugbrief in unserem Sinn gibt. Eine Ortshistorie lässt sich kaum nachvollziehen. Dass ein Auto wirklich aus Kalifornien stammt, sollte man daher nur dann glauben, wenn es dafür unzweifelhafte Anhaltspunkte gibt (etwa Motoren, die wegen der strengen Abgaswerte des Staates nur dort ausgeliefert wurden).
eider wird das dadurch erleichtert, dass es in den USA keinen Fahrzeugbrief in unserem Sinn gibt. Eine Ortshistorie lässt sich kaum nachvollziehen. Dass ein Auto wirklich aus Kalifornien stammt, sollte man daher nur dann glauben, wenn es dafür unzweifelhafte Anhaltspunkte gibt (etwa Motoren, die wegen der strengen Abgaswerte des Staates nur dort ausgeliefert wurden).


Obwohl dieser Ford F3 vor fast 70 Jahren gebaut wurde, bekäme man heute noch viele Ersatzteile – leider eben nur in den USA.

Die Ersatzteilsituation ist toll, die -beschaffung schlecht(er)

Man kann natürlich geteilter Meinung sein über die US-Herstellerpolitik, demselben Unterbau teilweise jahrzehntelang marginal veränderte Karosserie überzustülpen und das dann als Modellerneuerung zu vermarkten. Fakt ist aber, für den Oldtimerbesitzer ist das Gold wert. Denn es sorgt dafür, dass alles, außer den Modelljahres-spezifischen Teilen, über einen enorm langen Zeitraum gefertigt wurde.
Und weil die „Big Three“ (Ford, Chrysler, GM) jeder für sich viele Untermarken betreiben und betrieben (alleine bei GM sind bzw. waren es beispielsweise Chevrolet, Buick, Cadillac, GMC, Oldsmobile und Pontiac) führt das dazu, dass viele Teile auch noch markenübergreifend lange Verwendung fanden. Unterm Strich bedeutet das: Die grundsätzliche Ersatzteilversorgung ist bei US-Oldies – zumindest den Massenmodellen – ein Traum.
Doch kommen wir zum Nachteil: Von diesem Ersatzteil-Füllhorn ergießt sich über Deutschland nur vergleichsweise wenig. Mal angenommen, an einem 1977er Dodge W200 macht ein Steinschlag der Windschutzscheibe den Garaus. Der TÜV-Prüfer befiehlt „austauschen“. Dann hat man ein Problem.
Nein, nicht mit der Versicherung, da ist das Regulieren von Scheiben-Schäden ab Teilkasko, auch bei Oldtimern, ein ganz normaler Vorgang. Die Sache ist nur: Man muss die Scheibe wahrscheinlich aus den USA importieren. Zwar haben sich zahlreiche deutsche Online-Shops auf US-Ersatzteilbeschaffung spezialisiert. Aber auch die machen oft nichts Anderes als bei US-Großhändlern palettenweise zu bestellen – mit entsprechenden Wartezeiten.

Detroit 1909. Schon damals galt das Credo „schnell, viel, günstig“. Der Dreh- und Angelpunkt der US-Autobauerphilosophie.

 US-Autobau ist „anders“

Gerade deutsche Oldtimerbesitzer tragen die Nase gerne mal ein wenig hoch. Gut, schaut man sich die automobilen Ergebnisse deutscher Ingenieurskunst an, ist das vielfach berechtigt. Weniger berechtigt ist indes, dass daraus manchmal Arroganz gegenüber amerikanischen Autos und der dortigen Autobau-Philosophie erwächst.
Natürlich, US-Fahrzeuge haben im Innenraum selten so ausgesuchte Zutaten wie hierzulande selbst ein massenhaft gebauter W123 200er Mercedes. Und selbst ohne Highway-Crash sind die Spaltmaße manchmal etwas, das selbst einen DeLorean fein verarbeitet wirken lässt.
Aber: Das hat nichts mit mangelnder Qualität zu tun. Sondern mit drei Punkten, in denen sich die US-Autophilosophie dramatisch von der unsrigen unterscheidet:
  1. In den USA kommt es viel mehr auf Bequemlichkeit an. Was hier bei Herstellungspreis X zum Teil für Echtholz usw. ausgegeben wird, steckt man dort lieber in Gadgets, welche die Fahrt komfortabler machen.
  2. Autos wurden dort seit den 50ern weitaus weniger als dauerhaftes Objekt angesehen, als es bei uns der Fall war. Dazu trug schon die Politik der jährlichen Modellveränderungen bei. Das heißt es wurde damit gerechnet, dass ein Auto sowieso kein hohes Lebensalter erreicht.
  3. Die Autofahrer-Denkweise. Amerikaner tendieren dazu, den Wagen viel eher als Nutztier zu sehen. Wenn er dabei auch noch gut aussieht, ist das ein nettes Beiwerk. Aber ob Spaltmaße auf den Millimeter stimmen, interessiert dort viel weniger, als dass der Motor möglichst hohe Laufleistungen bringt – denn die größeren Fahrdistanzen sorgen dafür, dass auch ein kurzes zeitliches Autoleben schnell 100.000 und mehr Miles abspult.

Umbau und Amtsschimmel-Ritt sind immer vonnöten

Oftmals werden US-Fahrzeuge hierzulande zu einem angesichts ihres Alters und Zustandes erstaunlich niedrigen Preis angeboten. Meistens steht dann dabei „verzollt und mit Title“. Dann weiß man, der Wagen ist so günstig, weil man als Käufer noch enorm viel Arbeit hat, um den US-Klassiker auf die deutsche Straße zu bringen. Das fängt bei technischen Umbauten wie Scheinwerfern und Blinkern an, zieht sich über Gutachten und Datenblätterbeschaffung bis hinein in die Anmeldung.
Ein enormer Aufwand, den man sich nur dann antun sollte, wenn wirklich genau dieses Modell anderweitig in Europa nicht zu beschaffen ist.

Gerade bei getunten Oldies ist Vorsicht geboten. Fast alles, was in den USA keine Augenbraue zucken lässt, ist hierzulande ein StVZO-Verstoß

Lead-Sled ist ein US-Ding

Lead Sled – Bleischlitten. Was man hierzulande oft mit US-Tuningfahrzeugen der frühen 50er verbindet, bei denen zur Karosseriereparatur viel Blei verwendet wurde, ist tatsächlich etwas, das den Oldiefreund missmutig stimmen sollte. Denn Autoreparaturen, auch an eigentlich wertvollen Oldtimern und auch nach den 1950ern, werden dort selten mit einer solchen Akribie durchgeführt, wie es hierzulande der Fall ist.
Tatsächlich finden sich darunter auch erschreckend viele „Spachtelbuden“, bei denen Blei, Zinn oder GFK-Spachtel in rauen Mengen benutzt wurden, um Unebenheiten, Dellen und Rostlöcher in der Karosserie abzudecken – auch hier nicht mal in täuschender Absicht, sondern einfach wegen einer anderen Mentalität.
Auch dabei gilt einmal mehr, es ist (für viele Amerikaner) wichtiger, dass es gut gemacht aussieht. Bedanken darf sich der deutsche Fan von US-Autos aber auch bei der amerikanischen Abwesenheit einer automobilen Kontrollinstanz. Denn so sehr TÜV und Co. einem bei der Abnahme so mancher Teile am US-Oldtimer Probleme bereiten können (man versuche mal, einen Satz US-Felgen ohne Festigkeitsgutachten eingetragen zu bekommen) so sehr sorgt ihre gänzliche Abwesenheit eben auch dafür, dass bei Reparaturen das genommen wird, was gut wirkt und wenig kostet. Hat man den Wagen dann nach Deutschland importiert und führt ihn für eine erste Bestandsaufnahme vor, kommt dann oftmals die große Überraschung.

Fazit

US-Fahrzeuge sind längst nicht so schlecht wie ihr Ruf, den so mancher ihnen andichtet. Sie sind eigen. Sowohl von der Motorisierung her und auch den Schwerpunkten der Designer und Ingenieure. Das macht sie nicht schlecht, nur anders. Aber es gilt auch: Millionen Amerikaner können nicht irren. Es hat schon einen Grund, warum Impala, Mustang, F150 und Co. seit Jahrzehnten gebaut werden.
 
 
Bildquellen:
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